Kabelbinder im Winter
Aus chemischer und physikalischer Sicht sind sinkende Temperaturen für Kabelbinder aus Polyamid 6.6 (kurz: PA 6.6), die auch unter dem Materialhandelsnamen Nylon vertrieben werden, eine Herausforderung. Dies hat chemische bzw. physikalische Gründe.
Während PA 6.6 bei normalen Zimmertemperaturen dafür sorgt, dass Kabelbinder biegsam und sehr reißfest sind, verändert sich bei winterlichen Temperaturen jedoch die Materialeigenschaften. Dies hängt mit der Molekularstruktur und -bewegung zusammen und führt dazu, dass alle Standardkabelbinder schneller reißen und ggf. auch brechen.
Konkret bewegen sich die Moleküle im Material langsamer. Wird sind nun eine Kraft auf das Material ausgeübt, verteilt sich diese Kraft nicht mehr so gleichmäßig wie bei Zimmertemperatur. Erhöhte Wechselwirkungskräfte zwischen den Molekülen entstehen. Die Beweglichkeit der Molekülketten nimmt ab, Reibung zwischen diesen Ketten hingegen steigt. Die dadurch verringerte Verformbarkeit führt zu sog. Spannungskonzentrationen an bestimmten Stellen und erhöht somit das Bruchrisiko bei allen Kabelbindern aus Polyamid 6.6. Sobald nun die innere Spannung einen bestimmten Schwellenwert erreicht, können die langen Polymerketten im Material brechen. Diese Brüche beginnen als winzige Risse, die sich unter anhaltender Spannungskonzentration schnell vergrößern und schließlich zum Versagen des Kabelbinders führen. Dieser Prozess läuft insbesondere beim ruckartigen Festziehen sehr schnell und parallel zum Festziehen ab.
Auch die im Winter oft geringere Luftfeuchtigkeit (Stichwort: trockene Kälte) beeinflusst die Leistungsfähigkeit von allen Kabelbindern negativ. PA 6.6 weist von Natur aus eine gewisse Wasseraufnahmefähigkeit auf. Diese hygroskopische Eigenschaft wirkt jedoch nicht nur in Richtung einer Wasser- bzw. Feuchtigkeitsaufnahme, sondern auch entgegengesetzt: Alle Kabelbinder aus Polyamid 6.6 können in eine trockene Umgebung Feuchtigkeit aus dem Material abgeben.
Verliert das Material Feuchtigkeit, verringert sich die Gleitfähigkeit seiner Molekülketten. Unter äußerer Belastung oder starker Dehnung verstärken sich die Wechselwirkungen zwischen diesen weniger beweglichen Molekülketten, wodurch sie bruchgefährdeter werden.
Wenn nun also Kälte und Trockenheit zusammenkommen, verstärkt sich dieser Effekt noch einmal. Besonders herausfordernd ist der Verarbeitungsprozess, also das Anbringen und Festziehen. Sind die Kabelbinder einmal verarbeitet/festgezogen, so halten sie auch deutlich geringere Temperaturen sehr gut stand. Daher nennen wir zum einen Temperaturbeständigkeit, die die Binder im verarbeiteten bzw. festgezogenen Zustand halten. Darüber hinaus empfehlen wir eine Verarbeitungstemperatur. Dabei ist jedoch nicht die Umgebungstemperatur das Maß der Dinge, sondern die Temperatur der Kabelbinder. Auch unterhalb der von uns empfohlenen 10 °C können unsere Kabelbinder gut genutzt bzw. verarbeitet und festgezogen werden. Hier empfehlen wir jedoch mit sinkender Temperatur steigende Vorsicht. Wenn Kabelbinder über Nacht bei -10°C im kalten Auto gelagert wurden, sollten sie sehr behutsam angezogen werden.
Daher hier drei einfache Tipps für den Winter:
- Nutzen Sie vorgewärmte Kabelbinder. Dies kann bspw. durch Lagerung in warmen Räumen und sehr zügiger Verarbeitung erreicht werden. Die Kabelbinder kühlen nicht direkt durch, sondern nehmen die kalte Umgebungstemperatur erst mit einigen Minuten Verzögerung an. Auch die Aufbewahrung einer Kabelbindertüte in der warmen Hosentasche oder unter einer warmen Jacke hat den gleichen Effekt. Auch ein Bad in warmem Wasser für etwa 30 min macht die Kabelbinder warm und gibt ihnen gleichzeitig noch zusätzliche Feuchtigkeit.
- Ziehen Sie die Kabelbinder langsam an. Gerade bei der Verwendung von Kabelbindern unterhalb des Gefrierpunktes sollten Sie diese nicht zu schnell anziehen und keinesfalls ruckartig anreißen – erst recht nicht gegen die Zugrichtung über den Verschlusskopf hinweg. Ziehen Sie die Kabel stattdessen langsam und gleichmäßig fest, um die Gefahr von Spannungsspitzen und Brüchen zu verringern. So sind Kabelbinder auch gut unterhalb der von uns empfohlenen Verarbeitungstemperatur nutzbar.
- Nutzen Sie dickere/breitere Kabelbinder. In kalten Umgebungen empfiehlt es sich, breitere bzw. dickere Kabelbinder einzusetzen. Diese haben eine per se eine höhere Zugfestigkeit, halten daher dem beim Befestigen entstehenden Druck besser stand und verringern so das Bruchrisiko.